Geschichte
Hövelriege ist ein junger Ort mit alten Wurzeln: Die Senne galt lange als karg und schwer zu bewirtschaften, besiedelt wurde sie erst nach und nach – entlang der Bäche und in mehreren Wellen über gut vierhundert Jahre.
Die Anfänge: vier Urhöfe am Furlbach
Die Besiedlung der Senne begann an den Bachläufen – allerdings nicht, wie man vermuten könnte, von Westen nach Osten, sondern genau umgekehrt, ausgehend von der alten Bielefelder Landstraße. Am Anfang standen vier Urhöfe: der Vollmeierhof Bredemeier sowie die drei Halbmeierhöfe Oberramsel, Unterramsel und der Furlhof. Während die Ramselhöfe dem Fürstbischof gehörten, war der Furlhof dem Delbrücker Valepagenhof steuerpflichtig.
Das Gelände im Zentrum des heutigen Riege trug die Bezeichnung „Auf der Furl“ und gehörte zum Furlhof – nach ihm ist auch der Furlbach benannt. Vor dem Dreißigjährigen Krieg kamen die „alten Zuleger“ hinzu: fünf Höfe, darunter Furlkröger, Henkenhof, Rüenbrink und Schröder. Rund 60 Prozent der Fläche waren damals „Gemeinheit“ – Gemeineigentum, das nach festen Regeln genutzt wurde. Noch 1610 wurde daraus Land an Siedlungswillige verkauft, die den elterlichen Hof nicht erbten.
Von 1618 bis 1648 stand die Entwicklung still: „Von 1618 bis 1648 wurde praktisch nur zerstört“, fasste Ortsheimatpfleger Johannes Buschmeier diese Zeit zusammen. Ab 1650 begann dann die Ära der „neuen Zuleger“ – Siedler aus dem Delbrücker Raum, die sich am Furlbach niederließen, beginnend im Osten mit dem Hof Fiekens (Blome).
Zeittafel
- 1610 Aus der „Gemeinheit“ wird Land an Siedler verkauft – rund 60 Prozent des Gebiets sind zu dieser Zeit Gemeineigentum.
- 1618–1648 Der Dreißigjährige Krieg unterbricht die Besiedlung der Senne.
- ab 1650 Die „neuen Zuleger“ aus dem Delbrücker Raum siedeln am Furlbach.
- 1815 Auf dem Furlhof wird die alte Schule gezimmert – im Volksmund „Kohlrieger“, später „Neuenrieger“ und schließlich „Hövelrieger Schule“ genannt.
- 1856–1889 Lehrer Köring wirkt 33 Jahre an der Rieger Schule. Seinen Aufzeichnungen verdanken wir viele Details zur Ortsgeschichte – etwa den Eintrag, Hövelriege und Riege lägen aus Hövelhofer Sicht „achter den Füchten“ (hinter den Fichten).
- 1901/1902 Die Sennebahn geht in Betrieb: der nördliche Abschnitt bis Schloß Holte im Dezember 1901, die Weiterführung nach Paderborn am 1. Juli 1902.
- 1903 Am 19. April eröffnet die Teutoburger Wald-Eisenbahn (TWE) den 25 Kilometer langen Abschnitt Gütersloh–Hövelhof. Damit hat die Gegend eine zweite Bahnlinie – sie verläuft südwestlich des Ortes durch das Ramselbruch.
- 1907 Der Haltepunkt bei Streckenkilometer 21,6 heißt zunächst „Liemke“. Am 1. Juli 1907 wird er auf Antrag der Gemeinde Hövelhof in Hövelriege umbenannt.
- 1919–1925 Die Familie Rodehuth (Oberramsel) greift den Gedanken einer eigenen Kirche auf. 1921 ist der Kirchbau fertig, 1925 wird die eigenständige Kirchengemeinde gegründet.
- 1926 Nach einem Stilllegungsversuch in den Jahren 1924 bis 1926 fährt die Sennebahn ab dem 1. Juli 1926 wieder.
- 1936–1938 Der wachsende Berufsverkehr führt zur Eröffnung mehrerer neuer Haltepunkte an der TWE – darunter Espeln-Riege, der damit auch Riege einen eigenen Bahnhalt gibt.
- 1944 Alliierte Aufklärer fotografieren Hövelriege am 17. August aus der Luft (siehe unten). Am 22. September stürzt eine Boeing B-17 über Riege ab.
- 1950 Bei Renovierungsarbeiten wird in der alten Schule das „Goldene ABC“ freigelegt: 24 in Goldfarbe auf die Wände geschriebene Lebensregeln aus dem 19. Jahrhundert.
- 1960 Die Furlbachschule wird gegründet – noch vor der kommunalen Gebietsreform, als Einrichtung des Schulzweckverbands Hövelhof-Stukenbrock.
- 1970 Im Zuge der Schulreform wird die Schule in Riege geschlossen – vom Ortsheimatpfleger als „großes Manko“ bezeichnet.
- 1978 Am 31. Oktober endet der Personenverkehr auf der TWE zwischen Gütersloh und Hövelhof – der Haltepunkt Espeln-Riege verliert damit seine Bedeutung. Güterzüge fahren weiter.
- 1987 Tiefpunkt für die Sennebahn: Nur noch 609 Fahrgäste am Tag nutzen die gesamte Strecke, die Stilllegung steht im Raum.
- 1994 Die Dorfgemeinschaft Hövelriege e.V. wird gegründet. Ein Jahr später hält Johannes Buschmeier seinen viel beachteten Vortrag zur Ortsgeschichte, auf dem große Teile dieser Seite beruhen.
- ab 2011 Die Sennebahn wird modernisiert: In Hövelriege werden beide Bahnsteige erneuert und barrierefrei ausgebaut.
- 2015 Am 15. März geht das mechanische Stellwerk Hövelhof außer Betrieb – die Strecke wird vom elektronischen Stellwerk in Lage aus gesteuert.
- 2018 Über 6.000 Fahrgäste nutzen die Sennebahn täglich – rund das Zehnfache des Werts von 1987.
- ab 2029 Auf der Sennebahn sollen batterieelektrische Züge fahren und die Dieselära beenden.
Die Bahn verändert den Ort
Kaum etwas hat Hövelriege so geprägt wie die Sennebahn. Seit 1902 verbindet sie Paderborn und Bielefeld, seit 1907 trägt der Haltepunkt den Namen des Ortes. Die Strecke hatte es nie leicht: Schon zwischen 1924 und 1926 sollte sie stillgelegt werden, und 1987 nutzten sie nur noch 609 Menschen am Tag.
Die zweite Bahn – und der Bahnhof Espeln-Riege
Weniger bekannt ist, dass es hier einmal zwei Bahnlinien gab. Südwestlich des Ortes verläuft die Strecke der Teutoburger Wald-Eisenbahn (TWE), die am 19. April 1903 zwischen Gütersloh und Hövelhof eröffnet wurde und im Ramselbruch durch typischen Senne-Kiefernwald führt. Als der Berufsverkehr in den 1930er-Jahren zunahm, entstanden dort mehrere neue Haltepunkte – zwischen 1936 und 1938 auch Espeln-Riege. Riege hatte damit einen eigenen Bahnhalt.
Am 31. Oktober 1978 endete der Personenverkehr zwischen Gütersloh und Hövelhof; seither wird die Strecke nur noch im Güterverkehr genutzt. Über eine Reaktivierung des Personenverkehrs auf der TWE wird seit Jahren diskutiert – das derzeit verfolgte Projekt reicht allerdings nur bis Verl und damit nicht bis hierher.
Heute ist sie das Gegenteil eines Sorgenkinds. Nach der Modernisierung ab 2011 – neue, barrierefreie Bahnsteige in Hövelriege, elektronische Stellwerkstechnik statt mechanischer Hebel – fahren werktags rund 30 Zugpaare, stündlich und in der Hauptverkehrszeit halbstündlich. 2018 waren es über 6.000 Fahrgäste täglich. Ende 2029 sollen Akkuzüge den Dieselbetrieb ablösen.
Der Ort im Sommer 1944
Am 17. August 1944 überflog ein alliierter Aufklärer die Senne und fotografierte auch Hövelriege. Die Aufnahme aus den US-amerikanischen Nationalarchiven zeigt den Ort mitten im Krieg – und zugleich eine Landschaft, die dem Kartenbild des 19. Jahrhunderts noch sehr ähnlich ist: schmale Ackerstreifen, Waldparzellen, dazwischen die Höfe. Deutlich zu erkennen sind die Bahnlinie und die Straßen, die den Ort bis heute gliedern.
Wie viele Menschen hier leben
Für Hövelriege allein gibt es keine durchgehende Statistik – heute leben hier rund 830 Menschen. Wie stark die Senne insgesamt gewachsen ist, zeigt aber die Entwicklung der Gemeinde Hövelhof: Aus einem Dorf mit knapp 1.700 Einwohnern im Jahr 1818 ist eine Gemeinde mit fast 17.000 Menschen geworden – ein Zehnfaches in gut zwei Jahrhunderten.
| 1818 | 1.684 |
|---|---|
| 1867 | 1.975 |
| 1916 | 2.387 |
| 1939 | 4.454 |
| 1950 | 6.434 |
| 1961 | 7.886 |
| 1975 | 11.436 |
| 1990 | 13.346 |
| 2000 | 15.773 |
| 2025 | 16.833 |
Der „Postirrtum“ Riege
Bei der Namenswahl orientierte man sich an den Delbrücker Riegen: Die Delbrücker waren demnach die „alten“, die Hövelrieger die „neuen“ Riegen. Wie daraus die heutige Aufteilung in Hövelriege und Riege wurde, ist bis heute nicht abschließend geklärt – man geht davon aus, dass postalische Bezeichnungen dabei Pate standen. Praktisch ist das Ergebnis nicht: Wer Hövelriege sucht, landet nicht selten zuerst im benachbarten Riege.
Das Dorfschulmuseum
In der alten Schule betreibt die Dorfgemeinschaft heute ein Dorfschulmuseum. Sehenswert ist dort vor allem das „Goldene ABC“ – jene 24 Lebensregeln, die 1950 unter alten Farbschichten wiederentdeckt wurden.
Wer alte Fotos, Dokumente oder Erinnerungen beisteuern möchte, meldet sich gern über die Kontaktseite.